Transatlantisches Projekt mit Rostocker Beteiligung startet

Institut für Informatik, Lehrstuhl für Datenbank- und Informationssysteme
Dr. Holger Meyer vom Institut für Informatik und Dr. Christoph Schmitt vom Institut für Volkskunde

Ende März 2017 wurden durch die transatlantische Plattform in den Sozial-und Geisteswissenschaften die vierzehn Gewinner der Ausschreibung "Digging into Data Challange" bekannt gegeben. Ein Team von Forschern der Universität Rostock, des Meertens Instituut in Amsterdam, Niederlande, sowie der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA), USA, zählt zu den Gruppen, die in den kommenden drei Jahren gefördert werden. Von der Universität Rostock sind das Institut für Volkskunde und das Institut für Informatik beteiligt.

Der englischsprachige Titel "Intelligent Search Engine for Belief Legends (ISEBEL)" steht für die Analyse und Suche von Erzählüberlieferungen aus volkskundlichen Sammlungen bzw. Folklorearchiven, die länderübergreifend verknüpft werden. Zunächst geht es um den Bereich geglaubter Ausdrucksformen, besonders von Sagen und sagenähnlichen Erzählungen ("belief legends"). Klassische Ansätze zur Motivforschung werden durch die Einbeziehung von kommunikativen Kontexten und Raumbezügen einer neuen Betrachtungsweise unterzogen. Erprobt werden innovative Methoden der Typisierung von "belief legends", die auch gegenwärtige Erscheinungsformen einschließen. Zugleich bildet das Projekt den Auftakt, für Folklorearchive eine internationale virtuelle Umgebung zu schaffen, der sich später andere Länder anschließen werden.

Insofern handelt es sich um ein wegweisendes internationales Projekt im Bereich der "e-Humanities", das die Zusammenarbeit von Geisteswissenschaftlern mit der Informatik erfordert. Die "Digging into Data Challenge" soll speziell Big-Data-Technologien für die Geisteswissenschaften öffnen. Hierbei arbeiten Ethnologen, volkskundliche Erzählforscher, Folkloristen, Linguisten und Literaturwissenschaftler nicht nur fächer-, sondern auch länderübergreifend mit Informatikern zusammen.

An der Universität Rostock ist dies eine Forschergruppe um Dr. Christoph Schmitt vom Institut für Volkskunde und Dr.-Ing. Holger Meyer vom Lehrstuhl für Datenbank- und Informationssysteme, die ihre Erfahrungen, Methoden und Techniken aus einem anderen Großprojekt, dem Aufbau des digitalen Archivs WossiDiA, einbringen und weiterentwickeln.  In ISEBEL sollen die Erzählüberlieferungen Wossidlos, die Sammlung des Dänen Evald Tang Kristensen in der "Dansk Folkemindesamling" und die "Nederlandse Volksverhalenbank" verglichen werden.

Interessant an allen drei Sammlungen ist, dass sie im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und mit Mitteln und Methoden der sich zu dieser Zeit erst etablierenden Feldforschung aufgezeichnet wurden. Dies erlaubt eine vergleichende Untersuchung zur Produktion ethnografischen Wissens, wie mündliche Überlieferungen aufgezeichnet, klassifiziert und wie in Umlauf gebracht wurden.

Wie und von wem werden Informationen weitergegeben? Wie werden sie beim Zuhörenden zu persönlichem und in der Menge zu kollektivem Wissen? Das sind Fragestellungen, die auch heute im Zeitalter der "Fake news" und sozialen Netzwerke brisant sind. Welchen Einfluss haben die soziale Stellung, die Bildung, der Beruf, das familiäre Umfeld oder die benutzte Sprache? Beispielsweise war bei Richard Wossidlo Niederdeutsch ein wesentlicher Aspekt der Überlieferung. Wie beeinflussen Erzählerinnen und Erzähler ihr Publikum? All dies hat Auswirkungen darauf, wie sich Gewissheit über Gesagtes herausbildet. Um solche Fragestellungen beantworten und die unterliegenden Abläufe besser verstehen zu können, wird ein Informationssystem aufgebaut, das die Inhalte und Strukturen der drei international bedeutsamen Sammlungen verknüpft und eine Suche nach wiederkehrenden Inhalten, Mustern und Strukturen erlaubt. Dazu wird ein von den Rostocker Informatikern entwickeltes Hypergraph-Datenbanksystem herangezogen, das schon im digitalen Wossidlo-Archiv WossiDiA und seinen hochgradig vernetzen Strukturen erfolgreich eingesetzt wurde.


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